Rede des Oberbürgermeisters Holger Kelch vom 8. November 2019 zum Gedenken an die Reichspogromnacht 1938

08.11.2019

Sehr geehrte Mitglieder der Jüdischen Gemeinde, verehrte Cottbuserinnen und Cottbuser,

der 09. November ist allgegenwärtig, und das darf nicht ausschließlich am Jahrestag des Mauerfalls liegen. So wie die Mauer einst Deutschland teilte, so werden die Gedanken und das Gedenken an einem 09. November geteilt bleiben müssen. Hier der Freudentag des Jahres 1989 mit dem Weg in Freiheit und Demokratie, da das Grauen der Reichspogromnacht 1938. Und so wie das eine – der Fall der Mauer – wohl für viele unvergesslich bleibt, so dürfen wir das andere – die Hetze auf die jüdische Bevölkerung unter der Nazi-Diktatur – nicht dem Vergessen preisgeben.

Jan Gloßmann

Deshalb sind wir hier. Wir werden nicht vergessen. Und wir werden weiterhin zu unserer Verantwortung aus der Geschichte stehen. Das heißt, wir dürfen nicht wegschauen oder schweigen, wenn Menschen wegen Ihres Glaubens im Namen einer angeblichen Herrenrasse verfolgt, gedemütigt, vertrieben, ermordet werden.

Zu unserem heutigen Gedenken und Erinnern begrüße ich alle, die aufrichtig, ehrlichen Herzens und im Bewusstsein der daraus erwachsenen stetigen Verantwortung an diese Gedenktafel gekommen sind, um den Opfern der nationalsozialistischen Hetze gegen das jüdische Volk, der Opfer der Vertreibung und der Opfer der Brandstiftung in der Synagoge in der Jahrstraße die Ehre zu erweisen.

Ich bin stolz darauf, dass die einzige Synagoge des Landes Brandenburg in Cottbus steht und das 80 Jahre nach Beginn des Zweiten Weltkrieges jüdisches Leben in unserer Stadt als Teil der religiösen Vielfalt wieder frei gelebt werden kann. Aus unserer Geschichte erwachsen für die gesamte Stadtgesellschaft Verpflichtung und Verantwortung, und das heißt heute in erster Linie, jüdischen Einrichtungen beizustehen. Attentate von offenkundigen Rechtsextremisten in Hessen und Halle haben in den zurückliegenden Wochen und Monaten in Deutschland Menschenleben gekostet und uns aufgeschreckt. Denn das Attentat von Halle galt der Synagoge und den dort versammelten Menschen jüdischen Glaubens. Es gab und gibt eine Vielzahl weiterer Anfeindungen, Übergriffe, Beleidigungen gegen Menschen jüdischen Glaubens und anderer Nationalitäten. Dabei meinte man, mit dem Ende der Mordserie des NSU habe das Land begriffen, welche Gefahr noch immer im Untergrund lauert. Gewalt hat meist einen Nährboden aus Worten, üblen, diffamierenden, herabwürdigenden Worten, und bedrohlichen Gesten, mit denen ausgetestet wird, wie weit man gehen kann, ohne dafür bestraft zu werden.

Wir dürfen nicht nachlassen, genau darauf aufmerksam zu machen. Wir dürfen dazu nicht schweigen. Meinungsfreiheit heißt, Widerspruch zu dulden. Sie ist nicht dafür da, anderen Menschen zu schaden. Wir wollen die Würde jedes Menschen mit der Autorität des Staates und der Autorität der Vernunft wahren und schützen.

Wir müssen für umfassende und facettenreiche Bildung unserer Kinder sorgen. Wir dürfen nichts bemänteln oder Kapitel der Geschichte sorglos übergehen.

Gleichzeitig bin ich den Menschen dankbar, die in den Tagen unmittelbar nach den Morden und der Attacke auf die Synagoge in Halle hier in Cottbus/Chóśebuz ihre Verbundenheit mit der jüdischen Gemeinde gezeigt haben. Die jüdische Gemeinde ist Teil unserer Stadt und unserer Gesellschaft.

In Cottbus/Chóśebuz erinnern 90 Stolpersteine an jüdische Bürgerinnen und Bürger, die unter der Nazi-Herrschaft vertrieben, beraubt und in den Tod getrieben wurden. Morgen wird durch den „Cottbuser Aufbruch“ erneut ihrer gedacht. Das ist eine wichtige Geste von Bürgerinnen und Bürgern unserer Stadt. Sie macht ebenso wie unsere heutige Veranstaltung deutlich, dass die Vergangenheit und vor allem die Lehre, die wir daraus zu ziehen haben, sehr gegenwärtig ist. Es bleibt unsere Aufgabe, zu benennen, was mit den Pogromen 1938 und unter der Nazi-Diktatur geschehen ist, und das nie wieder zuzulassen.