Das Neueste aus der polnischen Partnerstadt
01.09.2010
Die wachsende „Armee“ von Radfahrern in Zielona Góra hat nun ihren eigenen „Offizier“
Maciej Stadniczuk ist 38 und ein „Hans Dampf in allen Gassen“, wie man bei uns sagen würde. In Cottbus kennt man ihn seit 1992, damals noch Schüler, aber schon Gast des Filmfestivals Cottbus, das er seitdem unzählige Male besuchte. Während seine früheren Klassenkameraden nach dem Abitur kontinuierlich die Karriereleiter erklommen, ist Maciej Stadniczuk immer seinen Träumen gefolgt, was ihn bisher immerhin auch in die USA, nach England, Holland und Deutschland geführt hat. Ihm war es immer wichtiger, außerhalb von politischen Parteien, gesellschaftlich aktiv zu sein. Sicher nicht das, was fürsorgliche Eltern von ihrem Nachwuchs nach erfolgreich bestandenem Abitur als erstes erwarten. Das ist in Polen nicht anders als in Deutschland.
Für Maciej Stadniczuk aber waren Engagement und Geradlinigkeit immer wichtiger. Am besten auch sein eigener Herr sein, so wie in seiner heimischen Fahrradwerkstatt, wo er alten Fahrrädern zu neuem Glanz verhilft. Regelmäßige Leser der Rathauszeitung wissen, dass das Radfahren als Massenphänomen in unserem Nachbarland – noch – in den Kinderschuhen steckt. Dies zu ändern engagiert sich Stadniczuk auch im Verein „Mit dem Fahrrad vorneweg“ in unserer Partnerstadt. Zu bisherigen Erfolgen der Vereinstätigkeit, über die wir hier schon berichteten, zählen der mittels Unterschriftenaktionen erzwungene Bau von Radwegen, z.B. des „Grünen Pfeils“, oder die Öffnung der Fußgängerzone für Radfahrer.
Was aus Cottbuser Sicht eher kontraproduktiv erscheinen muss, macht in Zielona Góra durchaus Sinn. Angesichts des hohen Stands des PKW-Individualverkehrs und des vorzüglichen Ausbaus des ÖPNV betrachtet man Radfahrer immer noch irgendwie als Exoten. Mit der Freigabe der im Vergleich zu Cottbus wesentlich großzügigeren Fußgängerzone für den Fahrradverkehr will man die Bürger auch an den Anblick von Radfahrern gewöhnen, zugleich aber auch für das ökologischste aller Fortbewegungsmittel werben. Und keine Sorge, liebe Cottbuserinnen und Cottbuser, anders als bei uns in der Sprem läuft man dort – noch - nicht Gefahr, umgefahren zu werden.
Nun also ist Maciej Stadniczuk offiziell bestellter „Fahrradoffizier“. Es geht hier aber nicht, wie man bei uns wahrscheinlich vermuten würde, um Disziplinierung der Radfahrer, sondern darum, den Belangen der Radfahrer Gehör zu verschaffen. Man hätte kaum einen Geeigneteren für diese Aufgabe finden können. Er selbst findet es höchstens etwas problematisch, dass er plötzlich vom „Partisanen“ zum offiziellen Hüter der Rechte von Radfahrern aufgestiegen ist. Bei dem Modell des „Fahrradoffiziers“ hat man sich in Zielona Góra übrigens von Wrocław und Gdańsk, den bisherigen Fahrrad-Hauptstädten Polens, inspirieren lassen. Zugleich aber hat man dieses Modell weiterentwickelt. Es wird zwar das Geld für die Beschäftigung des „Fahrradoffiziers“ bereitgestellt, er erhält einen Arbeitsplatz im Rathaus, aber man stellt ihn nicht an. Damit, so der Verein „Mit dem Fahrrad vornweg“, bleibt dessen Unabhängigkeit gewahrt. Ende des Jahres soll erste Bilanz gezogen werden, inwieweit es gelungen ist, zwischen Politik, Verwaltung und Radfahrern erfolgreich zu vermitteln. Für Stadniczuk wäre viel erreicht, wenn es gelänge, beispielsweise vor jeder Schule Fahrradständer zu montieren. Die Bürger Zielona Góras sollen erkennen, dass das Fahrrad ein vorzügliches Transportmittel für den Weg zur Schule oder zur Arbeit ist.
Eine große Vision, für die er leider nur zu wenig Zeit hat und für die es dann wahrscheinlich doch einer größeren gesellschaftlichen Kraft bedarf, hat Maciej Stadniczuk noch. Als leidenschaftlicher Anhänger der historischen Lausitz sähe er es nur zu gern, wenn sich die Bewohner dieser einmaligen Landschaft über die Grenzen Polens, Tschechiens und Deutschlands hinweg eines Tages dieser Wurzeln wieder bewusster würden und dem Europa der Regionen ein attraktives Beispiel gäben. Dafür ist er, zumeist auf eigene Kosten, unentwegt in der Lausitz unterwegs, auch um Mitstreiter zu gewinnen, vor allem aber um zu informieren. Manchmal springt dabei auch ein Beitrag für Odra TV heraus, wo man es als Programmauftrag versteht, den Menschen dies- und jenseits von Oder und Neiße ihre Wurzeln bewusster zu machen. Davon leben kann man freilich nicht, aber Lebenskünstlern wie Maciej Stadniczuk ist das ohnehin nicht das Wichtigste.
In Cottbus kann man Stadniczuk mit hoher Wahrscheinlichkeit spätestens im November wieder antreffen, zum Jubiläumsjahrgang des Filmfestivals. Und wenn wir Glück haben, bringt er uns einen musikalischen Geheimtipp aus seinem Heimatland mit. Denn als Vermittler für den Kulturaustausch ist Stadniczuk ebenfalls – freischaffend – bisweilen tätig. Seine diesbezüglichen Kontakte könnten der neuen Festivalreihe „Polnische Horizonte“ mit Iowa Super Soccer (die Rathauszeitung berichtete im Januar von einem begeisternden Konzert der Band in Zielona Góra) einen musikalischen Leckerbissen verschaffen.
Ausblick auf das diesjährige Weinfest
Aus mindestens zwei Gründen wird das diesjährige Weinfest, vom 4. bis 12. September, in unserer Nachbarregion mit großer Spannung erwartet. Zum einen weil - nach berechtigter Kritik - die das Fest in den letzten drei Jahren veranstaltende Agentur nicht mehr zu halten war und die Stadtverwaltung es zunächst selbst richten wollte, am Ende dann aber doch auf den Eigenbetrieb Centrum Biznesu zurückgriff. Der Eigenbetrieb hat zwar langjährige Erfahrung mit der Ausrichtung des Weinfestes, musste seinerseits aber, ebenfalls nach öffentlicher Kritik, vor vier Jahren schon einmal die Segel streichen. Ein neuntägiges Erntedankfest, das das Fest der Weinlese ja seit über 150 Jahren darstellt, ist natürlich auch eine Riesenherausforderung für jeden Veranstalter. Zumal wenn die Früchte der Weinlese quantitativ längst noch nicht an das Niveau des 19. Jahrhunderts heranreichen und auch deren Vermarktung noch immer enge Grenzen gesetzt sind (die Rathauszeitung hatte darüber berichtet).
Zum anderen ist Stadtpräsident Janusz Kubicki selbst in diesem Zusammenhang wieder einmal in die Schlagzeilen geraten. Auf 40 Großwerbeflächen in der ganzen Wojewodschaft lädt er die Bürger zum Besuch des Weinfestes ein. Was normalerweise kaum eine Erwähnung wert wäre, ja, man vom Stadtoberhaupt geradezu erwartet, wird ihm in diesem Herbst, in dem die Bürger auch zur Wahlurne gerufen werden, zum Vorwurf gemacht. Er wolle sich nur selbst ins rechte Licht setzen, heißt es. Dabei wird übersehen, dass nur die Bürger Zielona Góras entscheiden, ob sie ihm eine zweite Legislatur zutrauen und auch gönnen. Ein gelungenes Weinfest freilich könnte dafür bereits die halbe Miete sein. Wie umgekehrt natürlich auch.
Es lässt sich erahnen, dass das Weinfest 2010 – so oder so – auch zum Wahlkampfthema werden dürfte. Entsprechend groß ist der Druck, der auf Seiten des Veranstalters lastet. Wohl auch deshalb gibt er Einzelheiten zum Programm nur scheibchenweise preis. Sicher scheint zu sein, dass in diesem Jahr keine internationalen Stars zu erleben sein werden. Man setzt voll auf die polnische Musikszene, die ja bekanntermaßen immer wieder für Neuentdeckungen gut ist. Das größte Manko des Vorjahres, die vollständige Abwesenheit der einheimischen Winzer, wird sich nicht wiederholen. Man darf gespannt sein auf das „Weinstädtchen“, das bereits im vergangenen Jahr zu überzeugen vermochte, dem es nur an dem „einen“ mangelte...
Bekannt ist auch, dass aus Cottbus wieder ein Sonderzug erwartet wird, wahrscheinlich auch einer aus Zittau. Der Termin 11. September wurde vom Lausitzer Dampflokklub gut gewählt, denn so kann man praktischerweise gleich an der traditionellen Weinfestparade teilnehmen. Eine entsprechende Einladung des Veranstalters liegt vor. Für die Fahrgäste des Sonderzugs sicher ein unvergessliches Erlebnis, von Tausenden Einwohnern unserer Partnerstadt am Straßenrand bejubelt zu werden.
Noch unklar ist, welche der zahlreichen innerstädtischen Baustellen auch während des Weinfests Bestand haben werden. Ziemlich gesichert ist wohl, dass den Platz vorm Hotel Śródmiejski bis dahin das Bacchus-Denkmal zieren wird; abgeschlossen sind auch die Bauarbeiten am früheren Kleinmarkt in der ul. Topolami. Das ist ein innerstädtisches Kleinod geworden, zu dem man sich laut Vizepräsident Kaliszuk die Anregung in der holländischen Partnerstadt Helmond holte. Es hat etwas von einem idyllischen Bahnhofsvorplatz, das ist aber auch so gewollt. Dieses und manches mehr sollte Sie, liebe Cottbuserinnen und Cottbuser, aber entschädigen für die eine oder andere Baustelle, die ja auch „nur“ eine weitere Investition in die Zukunft ist.
Musikalischer Exportschlager aus Cottbus
Liebhaber des Blasorchesters Cottbus und seiner deutsch-polnischen Projekte sollen hier auf einen nächsten Höhepunkt dieser Zusammenarbeit hingewiesen werden. Von Zielona Góra nach Nowa Sól, wohin das Orchester seit dem vorigen Jahr seine grenzübergreifenden Projekte verlagert hat, ist es nur ein Katzensprung. Nach der offiziellen Eröffnung des Weinfests, die in diesem Jahr erstmals vom polnischen Fernsehen live übertragen wird, wäre es also bequem zu schaffen, die gemeinsame Konzertgala der Fermata Band aus Nowa Sól und des Blasorchesters Cottbus zu besuchen. Im Rahmen dieses Projekts, unterstützt von der Euroregion Spree-Neiße-Bober, war es möglich, ein seltenes Instrument, eine Eufonia, anzuschaffen, mit dem auch nicht alltägliche Werke aufgeführt werden können.
Zum Abschluss der ganztägigen Workshops beider Orchester am 4. September lädt Wadim Tyszkiewicz, der Stadtpräsident von Nowa Sól, um 20:00 Uhr zu einem außergewöhnlichen Konzerterlebnis in die St. Josephskirche ein. Zur Aufführung kommen solch selten gespielte Werke wie das Symphonische Gedicht für Orchester "Finlandia" von J. Sibelius, die Romanze mit Motiven der Etüde E-Dur des polnischen Komponisten und diesjährigen Jubilars F. Chopin, der Tango von I. Albeniz, aber auch Hits der Popband "Queen" sowie Film- und Marschmusiken. Der Eintritt zu dem Konzert ist frei. Janusz Gabryelski, Markus Witzsche, Kacper Wojtkowiak und Jarosław Wnorowski werden dirigieren.
Wer am 4. September verhindert ist, sollte sich den 16. Oktober vormerken, denn dann werden beide Orchester im Saal des Konservatoriums Cottbus das Konzert erneut aufführen und die erlangte Meisterschaft im Musizieren mit der Eufonia der kritischen Bewertung des Cottbuser Publikums unterziehen.
(Eberhard Nahly)