Bericht des Oberbürgermeisters Holger Kelch vor der 32. Stadtverordnetenversammlung Cottbus am 27. September 2017

27.09.2017

Sehr geehrter Herr Vorsitzender, sehr geehrte Damen und Herren Stadtverordnete, liebe Cottbuserinnen und Cottbuser hier im Saal bzw. am Livestream im Internet,

ich freue mich, Sie alle nach der Sommerpause nun auch wieder in der Stadtverordnetenversammlung begrüßen zu dürfen. Diese Freude und Anerkennung gilt auch Ihrem Einsatz und Ihrem Interesse für die Stadtpolitik. Beides wird in den kommenden Monaten wichtiger denn je, wenn wir um unsere künftige Rolle im Land und in der Region als selbstbewusste, starke und – ich betone – kreisfreie Stadt Cottbus/Chóśebuz kämpfen.

Bundestagswahl 2017

Ich gehe davon aus, dass wir als ehrenamtliche und hauptamtliche Verwaltung weiter sachlich zusammenarbeiten, uns gern streiten, aber dabei um Lösungen ringen und nicht ums Rechthaben. Wir haben genug Arbeit vor uns. Wer den Menschen hier in den vergangenen Wochen richtig zugehört hat, wundert sich heute nicht über Wahlergebnisse. Was sich in Berlin ändert ist noch nicht gänzlich abzusehen. Vieles deutet auf eine Jamaika-Koalition aus Union, FDP und Bündnisgrünen hin. Es ist aber nicht anzunehmen, dass vor der Niedersachsen-Wahl im Oktober wesentlichere Pflöcke eingeschlagen werden.

Das heißt aber nicht, dass die Zeit für uns läuft. Die Lausitz muss in den Koalitionsvertrag. Unsere Forderungen aus Cottbus und der Region an den Bund und die künftige Bundesregierung sind jetzt keine anderen als vor der Wahl. Wir brauchen keinen Wettbewerb um das zeitigste Datum für einen Kohleausstieg. Wir fordern eine verlässliche und zügige Unterstützung für den Strukturwandel in unserer Region. Das muss in erheblichem finanziellem Umfang erfolgen. Dazu gehört aber auch die Ansiedlung von Bundesbehörden in der Lausitz. Damit ist der Osten unseres Landes nicht gerade „überschwemmt“, und solche Behörden bringen mit, was wir benötigen: tariflich bezahlte, sichere Arbeitsplätze. Denn wir müssen uns immer wieder vor Augen halten, was wir mit einem Kohleausstieg verlieren – tausende gut bezahlte und damit kaufkräftige Jobs in der Kohlebranche selbst, aber auch bei Zulieferern und Dienstleistern. Das ist die konkrete Verantwortung des Bundes, denn er verantwortet auch die Energiewende, die das industrielle Rückgrat der Lausitz beschädigt. Wir wollen einen modernen Wandel und keine Brüche wie nach 1990. Wir müssen das wohl noch viel lauter sagen und deutlich machen, denn so viel Hingabe wie in der Diesel-Debatte und damit für die Autoindustrie wünschte man sich für die prägende Lausitzer Branche. Leider ist es noch immer so, dass Politiker in Bund und Land immer gerade das für besonders dringlich halten, wofür der jeweils andere zuständig ist. Dabei brauchen wir Unterstützung von allen Seiten, über Partei-, Länder- und über Ministeriumsgrenzen hinweg.

Natürlich müssen wir unseren Teil im Strukturwandel leisten. Arbeitsplätze können wir nicht backen, aber wir können „Backstuben“ einrichten. Unser Gründerzentrum am Campus wird dazu gehören. Hier gibt es zwar gute Signale, aber noch keinen Förderbescheid für den Umbau der früheren Schule in unmittelbarer Uni-Nähe. Dort soll die Entwicklungsgesellschaft Cottbus eine neue Heimstatt finden. Dazu begrüße ich Tina Reiche heute zum ersten Mal in neuer Funktion in unserer Mitte. Sie hat zum 1. September die Geschäftsführung unseres lokalen Wirtschaftsförderers übernommen. Herzlich willkommen und viel Kraft und Erfolg bei dieser anspruchsvollen Aufgabe.

Bis zum Jahresende wird Tina Reiche Ihnen das Feinkonzept für die EGC vorlegen. Diese Zeit sollten wir uns nehmen, um den weiteren Weg sorgfältig und realistisch zu planen. Wir erhoffen uns viel von unseren Wirtschaftsförderern, doch auch hier ist es nicht ratsam, Luftschlösser zu bauen. Wir müssen vieles aus eigener Kraft anschieben. Dazu stehen die Pflege der heimischen Unternehmen und die Förderung junger Ideen im Vordergrund.

Wirtschaftsregion Lausitz

Im Oktober wollen wir zudem die nächsten entscheidenden Schritte zur Gründung der Wirtschaftsregion Lausitz GmbH gehen. Wir führen erste Auswahlgespräche mit Bewerbern um den Posten des Geschäftsführers oder der Geschäftsführerin. Für Oktober sind die notwendigen Notartermine geplant, so dass die neue Gesellschaft am 1. Januar 2018 an den Start gehen kann. Hier entsteht die Stimme der Lausitz im Strukturwandel, der Partner für Unternehmen, für Vereine und Institutionen und auch die Landesregierungen Brandenburgs und Sachsens, für den Bund sowie die Lausitzer Kommunen. Vor allem für die Städte und Gemeinden, die sich in der Lausitzrunde zusammengefunden haben, und die nunmehr der Wirtschaftsregion beratend zur Seite stehen werden. Wir arbeiten am gleichen Ziel, die Lausitz voranzubringen.

Wir müssen noch viele Lausitzer überzeugen, sich auch als solche zu sehen. Wir dürfen uns als länderübergreifende Region nicht selber klein reden, das tun andere zur Genüge. Wir müssen und wir werden selbstbewusster auftreten. Die Lausitz soll ernst genommen werden.

Cottbus ist nicht nur die größte Stadt der Lausitz, nicht nur die größte zweisprachige Kommune des Landes, Cottbus ist das Zentrum der Lausitz und will es auch bleiben. Dieser Anspruch soll nichts vereinnahmen, dieser Anspruch soll und wird der Lausitz dienen.

Ich bin davon überzeugt, dass die Lausitz von einem starken Cottbus profitieren kann. Auch deshalb führe ich die Auseinandersetzung mit Brandenburgs Landesregierung um die Kreisfreiheit unserer schönen Stadt. Die Kreisfreiheit ist Unterpfand für eine erfolgreiche Entwicklung und effektiver Verwaltungsarbeit. Und dies ist Grundlage für die Ausstrahlung in die Region, in die Lausitz.

Cottbus, auch das gehört zum Anspruch, wird Hauptsitz der Wirtschaftsregion Lausitz GmbH. Sie wird die Gesellschafter der Energieregion haben, und hinzukommen wird zunächst der Landkreis Görlitz. Ich bin überdies guten Mutes, dass auch der Landkreis Bautzen zu uns finden und mit uns kooperieren wird. Wir gehören zusammen. Diese Gemeinsamkeit wird uns stärker machen.

Unser Ziel ist es, auf kommunaler Ebene grenzübergreifend zu agieren, um die Lausitz voranzubringen, die Region aufzuwerten und Perspektiven zu erarbeiten. Die Verträge für die Wirtschaftsregion Lausitz GmbH sind durch die Kreistage und die Stadtverordnetenversammlung Cottbus bestätigt, sodass die sächsisch-brandenburgische Gesellschaft auf den Weg gebracht werden kann.

Wir wollen und wir müssen also die Lausitz wirtschaftlich auf neue Füße stellen. Dabei werden wir zwei wichtige Wurzeln nicht ausreißen. Die Kohle- und Energiewirtschaft ist noch lange Zeit das Rückgrat der Region und bietet gut bezahlte Jobs und Wertschöpfung bis weit in die Zulieferer und Dienstleister hinein. Die Branche selbst wird Teil der Erneuerung sein, wenn es beispielsweise um das Speichern von Energie geht. Die Lausitz verfügt über gefragtes Knowhow. Die zweite Wurzel sind Traditionen und Werte einer zweisprachigen, vielfältigen Region mitten in Europa. Wir müssen uns der Menschen bewusst sein, die hier leben, mit all ihren Stärken und Sorgen. Erneuerung und Wandel gelingen nur durch Offenheit und Neugier, durch ein Ablegen der Angst vor Ungewohntem. Das gilt, nicht nur nebenbei gesagt, für die wirtschaftliche Entwicklung ebenso wie für die politische und soziale. Es gilt aber auch, für diese Werte einzustehen und sie nicht durch Extremisten oder Populisten aller Spektren vereinnahmen zu lassen.

Respekt, gegenseitige Akzeptanz, Recht und Gesetz sind auch Grundlagen für den Wandel in der Wirtschaftsregion.

Die räumliche und inhaltliche Erweiterung der Energieregion Lausitz-Spreewald zur Wirtschaftsregion Lausitz geht mit dem Ziel der Landesregierungen konform, mehr Wirtschaftswachstum für mehr Beschäftigung und damit den Ausbau der regionalen Wertschöpfung zu befördern.

Die Bewältigung des Wandels kann nur auf Grundlage von klaren Konzepten erfolgen. Darüber hinaus ist es erforderlich, mit Hilfe weiterer Fördermaßnahmen dauerhaft eine Strukturentwicklung in Gang zu setzen. Dazu zählt in einem ersten Schritt die Inanspruchnahme der GRW-Mittel (Experimentierklausel) als auch der Mittel des Energie- und Klimafonds „Unternehmen Revier“.

Die Wirtschaftsregion wird den Wandel strategisch koordinieren und begleiten, sie wird die Zusammenarbeit in der Lausitz unterstützen. Sie wird am Image der Lausitz arbeiten: Wir wollen attraktiver werden, wir wollen auf uns aufmerksam machen, wir müssen wettbewerbsfähiger werden und unsere Ideen schneller als andere umsetzen, marktreif machen. Wir brauchen Gründermut und Gründergeist.

Im Rahmen des Bundesprogrammes „Unternehmen Revier“ wird die Energieregion Lausitz-Spreewald GmbH bis Ende des Monats das „Regionale Investitionskonzept der Modellregion Lausitz“ als Grundvoraussetzung für die Förderung des vierjährigen Modellvorhabens des Bundeswirtschaftsministeriums für die Wirtschaftsregion Lausitz erstellen.

Es sollen Projekte initiiert und gefördert werden, die im bundesweiten Maßstab Modellcharakter haben. Die Lausitz soll so Beispiel werden für andere Braunkohleregionen.

Wir wollen aber nun endlich raus aus dem Ankündigungsmodus. Der Wahlkampf ist vorbei. Es muss endlich konkret daran gearbeitet werden, dass die Infrastruktur ausgebaut und die Digitalisierung vorangetrieben wird. Wir brauchen das zweite Gleis zwischen Lübbenau und Cottbus, wir brauchen eine elektrifizierte Bahnstrecke nach Görlitz, wir brauchen leistungsfähigere Netze und schnellere Datenübertragung. Das ist alles mehrfach gesagt und auch von jedem. Die Lausitzer erwarten, dass diese Ankündigungen zügig umgesetzt werden.

Flüchtlinge/Integration

Sehr geehrte Damen und Herren,
wir können davon ausgehen, dass das Wahlergebnis vom Sonntag auch von der Flüchtlingssituation im Lande bestimmt worden ist. In Cottbus wurde und wird wahnsinnig viel geleistet, um mehr als 3000 hinzugekommene Menschen aufzunehmen und sie zu befähigen, ihr Leben hier zu leben und sich zu versorgen. Cottbus hat sich verändert und wird sich weiter verändern. Dazu müssen wir bereit sein.

Die Vielfalt, die wir in unser Leitbild geschrieben haben, bringt Potentiale mit sich: Menschlichkeit, Kreativität, Internationalität, Akzeptanz. Aber sie bringt auch erhebliche Probleme im Alltag, die wir nicht verschwiegen haben und nicht verschweigen werden.

Natürlich gibt es Gegner dieser Vielfalt, das ist normal. Diese Ablehnung ist vielfach geäußert worden. Oft sind es die „Barrieren in den Köpfen“, die eine gleichberechtigte Teilhabe aller Menschen in der Gesellschaft verhindern. Der Umgang miteinander wird vor allem durch Berührungsängste, Unsicherheit und Fremdheit erschwert, in vielen Fällen fehlt eine gewissen Gewöhnung. Manch Vorurteil speist sich aus verschiedenen, nur wenig oder gar nicht geprüften Quellen, selten aus tatsächlichen Erlebnissen und Begegnungen. Allerdings haben wir in Cottbus nicht zuletzt durch den überproportionalen Zuzug von Flüchtlingen viele Probleme zu lösen. Das führt eben auch dazu, dass mancher sich “ins kalte Wasser geworfen” fühlt mit neuer Nachbarschaft, mit neuen, manchal auch halb verhüllten Gesichtern oder ungewöhnlicher Kleidung, anderen Bräuchen und Lebensweisen. Das geht beiden Seiten so. Es gibt dabei überraschende Blicke wie die der ausländischen Stundeten auf Cottbuser Bauten zum Tag des offenen Denkmals.

Die vergangenen Monate haben vor allem auf der Straße gezeigt, wie schwer es geworden ist, eine gemeinsame Sprache zu finden. Doch Rassismus und Diskriminierung verletzten Grund- und Menschenrechte und haben ebenso wenig einen Platz in unserer Gesellschaft wie Extremismus, Bedrohung oder Gewalt. Auch das gilt für alle Seiten. Wir verfallen aber nicht in den Fehler, das eine durch das andere zu relativieren.

Diese grundsätzliche Position kennen Sie alle. Ich werde sie auch weiterhin deutlich machen. Der wichtigste Termin für die Cottbuserinnen und Cottbuser dafür ist jedes Jahr der 15. Februar, der Tag der Bombardierung unserer Stadt zum Ende des II. Weltkrieges durch Flugzeuge der Alliierten. An diesem historischen Tag werde ich als Cottbuser und als Stadtoberhaupt am Mikrofon der Gedenkveranstaltung stehen. Erinnerung an das Geschehene und die Einordnung von Ursachen und Folgen bleiben Thema für alle Generationen.

Natürlich ist die Auseinandersetzung mit Gewalt, Ausgrenzung und Extremismus eine tägliche Aufgabe. Doch die politische Debatte dazu muss von den politischen Parteien und Gruppierungen geführt werden. Als Oberbürgermeister habe ich ein sehr aktuelles Urteil des Bundesverwaltungsgerichtes zu achten. Das verweist auf das strikte Neutralitätsprinzip einer öffentlichen Verwaltung, dem ich mich als OB verpflichtet fühle. Man möge mir aber nicht unterstellen, ich kneife oder verstecke mich vor Problemen. Das Bundesverwaltungsgericht hat in seinem Urteil klargestellt, dass es einem Oberbürgermeister nicht zusteht, beispielsweise zu einer Demonstration gegen eine andere Kundgebung aufzurufen. Das habe ich zu respektieren.

Ziel der Verwaltung ist und bleibt es, dass alle in Cottbus vernünftig, respektvoll, gewaltfrei und offen miteinander umgehen. Recht und Gesetz gelten für alle. Das Recht auf freie Meinungsäußerung oder das Demonstrationsrecht zu garantieren heißt nicht, diese Meinungen auch zu teilen. Wir sollten uns alle hüten, jemanden wegen seiner Meinung in irgendeine Ecke zu stellen. Ausgrenzung ist nicht Sache von Demokraten.

Sehr geehrte Damen und Herren,
Integration ist ein großes Wort. Dahinter verbergen sich tägliche Aufgaben, sei es Sprachunterricht, sei es die Schaffung von Plätzen in Kita oder Schule, sei es Ausbildung oder das Lernen von gängigen Lebensregeln in Deutschland. Das wird uns Jahre und Jahrzehnte beschäftigen und eine dauerhafte Aufgabe bleiben, wenn wir keine Ghettos wollen wie in anderen großen Städten. All die Fragen, Probleme und Lösungsansätzen sind längst und regelmäßig hier in der Stadtverordnetenversammlung sowie im Sozialausschuss öffentlich besprochen und analysiert worden. All die Zahlen, Daten und Informationen sind auch auf unserer Internetseite cottbus.de nachzulesen.

Nicht zuletzt werden wir als Verwaltung dem heute vorliegenden Antrag der CDU-Fraktion – so er eine Mehrheit findet – folgen und weitere Gespräche mit den Ministerien führen, um vor allem eines zu erreichen: Das Geld für die Integration, das ja zur Verfügung steht, muss dahin, wo die Menschen tatsächlich sind. Das Land Niedersachsen gibt uns mit der Stadt Salzgitter ein Beispiel, wie man auf den überproportionalen Zuzug reagieren kann. In Sachsen drängt die Integrationsministerin Petra Köpping von der SPD auf ähnliche Lösungen, um die Flüchtlinge im Land gerecht zu verteilen und die Prozesse überall steuerbar zu halten. Leider braucht es in Brandenburg immer gehörig Zeit, bis die Ministerien auf unser Drängen hin den tatsächlichen Aufwand erkennen und reagieren. Jetzt aber haben unsere Fachleute um Berndt Weiße und Stefanie Kaygusuz-Schurmann den Eindruck, dass nach intensiven Gesprächen die Signale auch in Potsdam angekommen sind. Ich bin zudem davon überzeugt, dass wir den bisherigen Zuzug bewältigt haben, weil wir als kreisfreie Stadt agieren konnten. Das ermöglichte uns schnelle und ressortübergreifende Entscheidungen auf kurzen Wegen.

Kreisgebietsreform

Sehr geehrte Damen und Herren,
im Oktober und November will Brandenburgs Landesregierung die Kreisgebietsreform durchpeitschen. Wir haben eine vierzigseitige Stellungnahme für die Mitglieder des Landtages erarbeitet, in der wir detailliert zeigen, dass diese Reform für Cottbus Gift ist. Sie wird, wenn sie so kommt wie jetzt vorgesehen, weder zu einer dauerhaften finanziellen Entlastung führen noch die Verwaltungsarbeit verbessern. Stattdessen werden die Leistungen für die Bürgerinnen und Bürger verschlechtert, allein schon dadurch, dass sie künftig zu zwei Verwaltungen gehen oder Kontakt aufnehmen müssen.

Die Stadt Cottbus leistet viel, und das kostet auch viel Geld. Wenn im Rahmen der Reform von Standardanpassungen die Rede ist, dann wissen wir, was passiert: ein breites Leistungsspektrum wird schmaler, Angebote werden ausgedünnt, die Wege werden weiter. Und es wird eine Abkehr von der Kommunalpolitik geben. Es ist ja richtig, was Ministerpräsident Dietmar Woidke in einem Tagesspiegel-Interview sagte: „Den Brandenburgern können Sie nun mal nicht erklären, warum eine Mehrheit aus Berlinern in einem gemeinsamen Landesparlament sich darum kümmern sollte, was in der Lausitz los ist.“ In dem Gespräch ging es um eine Länderfusion. Wir haben nicht einmal eine Fusion, wir sollen als Stadt in den Landkreis Spree-Neiße eingegliedert werden. Und da sage ich: „Den Cottbusern können Sie nun mal schlecht erklären, warum eine Mehrheit aus Spree-Neiße-Abgeordneten in einem gemeinsamen Kreistag sich darum kümmern sollte, was in Cottbus los ist.“

Deshalb werbe ich weiter dafür, dass die Cottbuserinnen und Cottbuser ihr Mitsprachrecht in der Demokratie nutzen und sich am Volksbegehren gegen diese Kreisreform beteiligen. Bis gestern hatten mehr als 4000 Bürgerinnen und Bürger dieses Angebot wahrgenommen. Sie machen deutlich: Die Landesregierung sollte diese Reform einmotten. Und wenn die Regierung darauf nicht direkt reagiert, dann ist es an den Landtagsabgeordneten auch und vor allem aus Cottbus, in der Abstimmung im Landtag das überfällige Stoppzeichen zu setzen. Im Land gibt es stattdessen wichtige Dinge zu erledigen. Cottbuser Polizisten sitzen in schimmligen Büros. Das Verwaltungsgericht kommt mit der Arbeit nicht hinterher, weil Personal fehlt. Wir fragen uns, warum liegt unser Haushalt für 2017 seit Monaten im Ministerium für Inneres und Kommunales, ohne das über eine Genehmigung entschieden wird.

Schulentwicklung Cottbus/Spree-Neiße

Sehr geehrte Damen und Herren,
natürlich gibt es Wege, Verwaltungen effizienter zu machen, auch kreisübergreifend zusammenzuarbeiten. Beispielsweise mit dem Landkreis Spree-Neiße. Doch Zusammenarbeit braucht Partner, die guten Willens sind. Was an vielen Stellen gut funktioniert, scheint bei der Schulentwicklungsplanung in diesem Jahr nicht der Fall zu sein. Das aber, so hat es den Anschein, liegt weniger an der fehlenden Bereitschaft zur Zusammenarbeit als vielmehr an parteipolitischem Kalkül Einzelner. So hat uns der Landkreis mit Schreiben vom 07. September über seine Befürchtungen in Kenntnis gesetzt, wenn wir zum Schuljahr 2018/19 die neue Schmellwitzer Oberschule errichten. Der Landkreis sieht damit Oberschulen in Burg und Peitz in Gefahr. Ich kann jedoch nicht erkennen, dass unsere Schulentwicklungsplanung plötzlich Einrichtungen im Spree-Neiße-Kreis infrage stellt. Solche Behauptungen seitens der Kreisverwaltung sind unlauter. Wir errichten in Schmellwitz eine neue Oberschule einschließlich der Förderung lernbehinderter Kinder und Jugendlicher. Wir entlasten damit die Oberschulen in Sachsendorf und in Mitte sowie die Fontane-Gesamtschule in Sandow. Diese sind durch steigende Schülerzahlen am Rand ihrer Kapazitäten. Zudem war eine weiterführende Schule im Norden unserer Stadt gewünscht. Das hat jedoch nichts mit Oberschulen in Burg oder Peitz zu tun. Diese werden eher zu kämpfen haben, wenn der Landkreis tatsächlich eine Gesamtschule auf seinem Territorium etablieren will, für die er nicht ausreichend Schüler hat und offenbar auch kein geeignetes Gebäude.

Auch auf die Gefahr hin, dass sich vieles wiederholt, weil es im Bildungsausschuss bereits mehrfach diskutiert worden ist: In Cottbus sind die Gymnasien nicht ausgelastet. Es gibt nicht genügend Schüler mit dem empfohlenen Bildungsgang „Allgemeine Hochschulreife“, und so gibt es für eine weitere Gesamtschule in der Stadt keinen Bedarf. Nach unserem Kenntnisstand fehlen diese Schüler auch in Spree-Neiße. Es ist nicht hinnehmbar, uns dennoch fehlende Kooperationsbereitschaft vorzuwerfen. Schülerinnen und Schüler aus Spree-Neiße sind in Cottbus willkommen: Ich erinnere nur daran, dass an der Fontane-Schule in Sandow ein Viertel der Schüler aus dem Landkreis kommt. Es ist in den zurückliegenden Jahren kein Kind aus Kolkwitz an der Gesamtschule abgewiesen worden, das die Allgemeine Hochschulreife erlangen wollte. Insgesamt lernen 310 Mädchen und Jungen aus Spree-Neiße an den drei Schulen der Sekundarstufe I in Cottbus. An diese Fakten sollten wir uns in der Bewertung der Situation halten und nicht Emotionen schüren, die arg nach Populismus riechen. Ich erspare mir an dieser Stelle weitere Ausführungen zu rein schulrechtlichen Belangen.

Einkaufszentrum Stadtpromenade

Sehr geehrte Damen und Herren,
vor zehn Jahren wurde das Einkaufszentrum Blechen-Carré in der Stadtpromenade eröffnet. Das war der vorläufige Höhepunkt einer insgesamt verkorksten Geschichte, deren Ursprünge schon die OB-Wahl 2002 maßgeblich bestimmten. 15 Jahren später ist es mehr als verständlich, dass es viele Fragen und großes Kopfschütteln über die benachbarte Brache gibt. Dort soll ein zweites Einkaufszentrum entstehen. Wie es aussehen soll, ist seit dem Verfahren im Herbst 2015 vereinbart, und daran halten wir fest. Allerdings ist der Investor am Zug. Wir erwarten, dass das Unternehmen Sie als Stadtverordnete und die Öffentlichkeit zügig über seine weiteren Pläne informiert. Als Stadtverwaltung haben wir unseren Teil geleistet, um diese prägende Fläche zu entwickeln. Aber die Brache gehört uns nicht, wir sind dort nicht federführend.

Finale

Sehr geehrte Damen und Herren,
es liegt in der Natur der Sache, dass bei so vielen schweren Themen manch schöner Augenblick der zurückliegenden Wochen etwas zu kurz kommt. Die erfolgreichsten Abiturienten haben sich zu Beginn der Sitzung in unsere Ehrenchronik eingetragen. Dort steht seit wenigen Tagen auch der Namenszug von Michael Scharnowski, einst Lehrer in Cottbus und Mitbegründer eines mehrsprachigen internationalen Theaterfestivals, das in diesem Jahr am Piccolo stattfand und Jugendliche zusammenführt. Wir freuen uns über die Medaillen der Cottbuser Sportlerinnen und Sportler bei den Para-Weltmeisterschaften.

Schülerinnen und Schüler des Oberstufenzentrums I aus der Sielower Straße holten einen Landessieg und einen Förderpreis im Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten. Thema war die Reformation, der sich auch eine Ausstellung widmet, die im November im Stadtmuseum eröffnet wird.

Und wenn wir von Vielfalt reden, dann zeigt diese sich auf dem „Tag der Vereine“ im Spreeauenpark. All das ist Cottbuser Lebensqualität, die wir zu verteidigen haben als starke und kreisfreie Stadt, die sich ihrer Rolle für die Region und die Menschen, die hier leben, bewusst ist.

(Es gilt das gesprochene Wort.)